Programm

18 Uhr Thomas Noll (Berlin)

Milan Slavicky (*1947) – Die Augen – Memento für Orgel (1983)
Violeta Dinescu (*1953) – Zeichenreihen (1993)
Martin Daske (*1962) – Notensetzen (2010)

19 Uhr Maximilian Schnaus (Berlin)

Franz Danksagmüller (*1969) – Circuli (2012)
Francesco Filidei (*1973) – danza macabra (dal trionfo della morte) (1996)
Isang Yun (1917-1995) – Fragment (1975)
Isang Yun – Tuyaux sonores (1967)

Circuli entstand 2012 als Auftragswerk des 3. Internationalen Buxtehude-Wettbewerbs in Lübeck. Als Inspiration zu diesem Stück diente der sogenannte “Garten der Lüste” von Hieronymus Bosch mit seinen vielen dargestellten Kreisen und Kreisläufen.

Hieronymus Bosch wird oft mit der Lehre der Katharer und ihrem Glauben an die Wiedergeburt in Verbindung gebracht. Demnach ist die Seele im irdischen Leben gefangen bzw. verstrickt sich in den Verlockungen desselben und wird so oft wiedergeboren, bis sie vom Geist befreit wird. Auch der rechte Flügel des Triptychons, die Hölle, besonders die sogenannte Musikerhölle mit den auf verschiedenste Weise ge- und als Folterwerkzeuge missbrauchten Instrumenten war eine wichtige Inspirationsquelle. Die Orgel erklingt nie im vollen Wind. Der Spieler agiert auch als sound designer und entwickelt durch kreiert durch das sorgfältige Austarieren der Registerzüge ein ganzes Ensemble an verschiedenen fremdartigen Instrumenten. (F.D.)

20 Uhr Dominik Susteck (Köln), Orgel, Markus Bongartz (Berlin), Violine

Gabriel Iranyi (*1946) – Ich schau empor nach jenen Bergen… Reflexionen zu dem 121. Psalm für Violine und Orgel (2005)
Dominik Susteck (*1977) – “Tiefenschichten” (2011) für Violine und Orgel
Markus Bongartz (*1963) – Atemnot (UA)

„Ich schau empor nach jenen Bergen…“ für Violine und Orgel, entstanden 2005 im Auftrag des Berliner Organisten und großer Förderer der Neuen Musik, Peter Schwarz. Den Titel entlehnte ich aus der ersten Zeile des Psalms 121. Der Psalm 121 gehört zu dem Abschnitt des Psalmenbuchs, der Das Große Hallel genannt wird (Psalm 120–134) und – nach Martin Bubers Übersetzung – als „Aufstiegsgesang“ (hebr.: Shir Ha’Maalot) einzuordnen ist.

Der Musikwissenschaftler Ingo Dorfmüller aus Köln schrieb 2016 über das Stück: „Der „Aufstieg“ ist ein Modell, das Gabriel Iranyi in seinen Kompositionen mehrfach beschäftigt hat: der Aufstieg als geistiger Vorgang, nicht als physischer, ein Aufstieg mithin, der nicht unbedingt in musikalischen Aufwärtsbewegungen repräsentiert sein muss.

Die Musik dieses Zyklus entzieht sich jeder narrativen, geradlinearen Absicht: sie wird nichts erzählen. Die angestrebte Reduktion der Mittel auf das Wesentliche wirkt gezielt auf die Steigerung der musikalischen Aussage. Im I. Satz, Lento trifft der erste energetische Gestus der Violine auf eine akkordisch aufgefächerte Fläche der Orgel und hinterlässt, als Klangspuren, die daraus folgenden ruhigen melodischen Konturen. Im II. Satz, Tempo corrente, quasi Allegro entsteht durch eine fließende Bewegung, eine isorhythmische Pulsierung in der Orgelpartie. Da streckenweise mehrere Töne sukzessive liegend gehalten werden, entsteht dadurch ein Klangraum von ständig changierenden Harmonien. Der III. Satz, Lento pensieroso korrespondiert mit dem I. Satz: der projizierter Innenraum ist diesmal aber viel brüchiger, die Violine übernimmt den Diskurs, welcher es nur fragmentarisch erscheinen lässt.“ (G.I.)

“Musik aus der Tiefe des Klanges,
ein Duett, das die Zwei besingt,
strahlend, tastend, fallend in die Nacht,
berstend, in der Schleife der Wiederholung gefangen,
nach oben entgleitend, Du, vergangen, ein leerer Platz,
hörst uns zu.” (D.S.)

Die Idee zur Komposition “Atemnot” entstand bei der Beschäftigung mit dem ursprünglichen Ritus der Taufe. Sie hat den Charakter einer Konfrontation: mit Wucht ist der Täufling den Elementen ausgesetzt. Das Eintauchen des Kopfes unter Wasser lässt die Kraft des Wassers und der Luft spüren. Beides ist notwendig und gefährlich zugleich, ein Einbruch des Realen in die behagliche Welt des „Kind-Seins“. Das Sakrament, das Rituelle geht vollkommen auf im Charakter des Materiellen. Deshalb beginnt das Stück wie ein monolithischer Block, musikalisch-klangliches Material wie zum Greifen. Die Violine tritt zunächst alternierend mit der Orgel in Erscheinung, dann zunehmend dialogisierend – die Textur verflüssigt sich, wird individueller, beseelter. (M.B.)

21.30 Uhr Michael Sattelberger (Stuttgart), Orgel

Morton Feldman (1926-1987) – Principal Sound (1980)
Dominik Susteck (*1977) – Zeichen (2016) für Orgel solo
-Morse
-Funkfeuer
-Schatten
-Echos
-Signal
-Geister

Im ersten Satz „Morse“ findet sich ein als Morsezeichen verklausuliertes Zitat aus dem Markusevangelium (7,31-37): „Öffne dich – Effata“. „Effata“ steht als Sinnbild des Öffnens zu Gott, zur Spiritualität, zum Leben. Die Morsezeichen finden sich als Rhythmus in den Zungenstimmen wieder.

„Funkfeuer“ ist ein gestreutes Signal, das Flugzeugen Orientierung bietet. Zugleich bildet es ein Licht in der Dunkelheit, das zwar einen Weg andeutet, nicht in einem vorgegebenen, sondern in einem freien Sinn. Hier pfeift der Organist zu seinem Spiel. Es findet eine ständige Annäherung zwischen dem Pfeifen und der Orgel statt, die jedoch nicht ganz aufgeht.
Der „Schatten“ ist mehrdeutig. Huschende Töne, Tonballungen oder hängende Töne bilden sich. Nach den tiefen, geräuschhaften Tönen zu Beginn entwickelt sich die Musik zu einem strahlenden, insistierenden Akkord.

Die „Echos“ stellen eine Suche nach einem Gegenüber dar. Es entsteht ein motivischer Dialog zwischen Hauptwerk und Schwellwerk. Manchmal verhalten sich die Töne in freier Variation zueinander. An anderer Stelle ordnen sie sich als Wiederholung ein.

Ein „Signal“ ist eine klares akustisches Zeichen, das wie ein Aufruf wirkt. Das Stück verlangt nach dem Tutti der Orgel. Mit seinen Repetitionen und Oktaven baut es sich streng auf. Das eigentliche Signal ist eine Rufterz, wie sie in der Sprache beispielsweise zwischen Mutter und Kind zu hören ist.

Die „Geister“ stehen weniger für Dämonen, sondern als Sinnbild für den Geist, ganz nach dem Motto, dass im Geistigen auch das Geistliche zu finden ist. Der Interpret nutzt Zusatzinstrumente und verlässt schließlich die Orgel. Zum einen deutet diese Aktion die Vergänglichkeit an. Zum anderen zeigt sie, dass Musik immer Geist ist und nicht bei den Tönen oder beim Instrument zu finden ist, sondern beim Kommunizieren und Erfahren. (D.S.)